Die Gesundheitspolitik der SPD
Interview vom 30. August 2021, 11.00 Uhr
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Frau Schmager, wie sieht für Sie das ideale Gesundheitssystem aus?
Ronja Schmager SPD:
Das ideale Gesundheitswesen würde für mich so aussehen, dass es sich solidarisch organisiert. Das heißt, dass wir natürlich erstmal davon ausgehen, dass alle Menschen die gleiche Versorgungsqualität erhalten, die sie jeweils bedürfen. Also eine bedürfnisorientierte Versorgung auch stattfinden kann, egal welches Portemonnaie ich habe oder wie meine Wissenshintergründe sind.
Dass wir das System als Gesellschaft so organisieren, dass alle Menschen die gleichen Zugänge haben, das gleiche Wissen haben, wo ich was bekommen kann. Unabhängig davon, an welchem Ort ich lebe. Ob ich jetzt in Harburg lebe oder ob ich in den Elbvororten lebe. Das ich dann einen gleich guten Zugang zu einem Kinderarzt oder Kinderärztin habe. Das wäre für mich ein zentraler Punkt.
Dann wäre es für mich zentral, dass wir auf die Gesundheitserhaltung gucken. Was können wir dazu leisten, dass die Menschen überhaupt gar nicht erst krank werden. Das sie erst gar nicht Volkskrankheiten wie Diabetes, psychische Erkrankungen oder Herzerkrankung entwickeln. Das wir gucken, wie können wir schon bei den ganz Kleinen im Kindergarten anfangen Gesundheit zu schulen. Das heisst, wie ernähre ich mich richtig, was ist gut für meinen Körper, wie Bewegung. Wie kann ich meine psychische Gesundheit steigern oder auf sie achten. Das schon in der Schule und im Kindergarten zu verankern wäre mir wichtig.
Dann natürlich der dritte essentielle Punkt: Zu gucken, wie können wir die Menschen, die in dem Gesundheitssystem arbeiten auch wirklich so entlohnen, dass sie ihre Arbeit gerne und gut machen können. Und auch mehr Menschen bereit sind in diesem Beruf arbeiten zu können und zu wollen.
Der Pflegenotstand
Frau Schmager, in Hamburg fehlen mehrere tausend Pflegekräfte. Bundesweit ist von hunderttausenden die Rede. Sie haben mal in einem Artikel für den Vorwärts zu diesem Thema geschrieben, dass man an den wirklich großen Rädern drehen müsse.
Welche sind das denn aus ihrer Sicht beim Thema Pflegenotstand?
Ronja Schmager SPD:
Auf jeden Fall ist es ein ganz wichtiger Punkt, dass Pflege so ein schöner Beruf ist. Und das viele Pflegekräfte diesen Beruf ja auch ausüben wollen, weil sie sich um Menschen kümmern wollen. Weil sie einen sehr sehr anspruchsvollen Job ausüben wollen. Weil sie den Menschen insgesamt sehen. Aber auch gleichzeitig mit technischen Geräten umgehen, wie Beatmungsgeräten. Sehr verantwortungsvolle Tätigkeiten in der Nachtversorgung übernehmen, wenn sie für 20-25 Patienten alleine zuständig sind. Das sind Menschen, die sehr aufopfernd in einem Sinne, aber auf andere Seite sehr professionell arbeiten. Und das müssen wir honorieren. Und das geht auf jeden Fall erstmal über Geld. Das ist natürlich immer eine große Stellschraube. Das wir wirklich sagen, wir brauchen einen bundeseinheitlichen Tarifvertrag, der für die Krankenhäuser aber auch für andere Pflegeeinrichtungen gilt. Das hier keine Abwanderungstendenzen vonstatten gehen. Das nicht nur alle im Krankenhaus arbeiten wollen, sondern es genau so wichtig ist, dass Menschen in Pflegeeinrichtungen und im ambulanten Dienst arbeiten wollen. Hier sprechen wir von einer Forderung von 4000 Euro brutto als Einstiegsgehalt. Das ist auch etwas, was Berufsverbände fordern.
Wie ist der Schnitt im Moment beim Einstiegsgehalt? Um einen Vergleich zu haben, zu dem, was Sie fordern.
Ronja Schmager SPD:
Ich schätze um die 3000 Euro.
Nun geht es den Pflegenden ja, wenn man Umfragen glauben mag, gar nicht so sehr um das Geld, sondern es geht in der Regel um bessere Arbeitsbedingungen. Wie wollen sie es schaffen Menschen in den Beruf zu bringen mit den Arbeitsbedingungen, die im Moment vorherrschen. Während der Pandemie hat man umso mehr gesehen, dass die Arbeitsbelastung sehr sehr hoch ist, so dass viele Beschäftigte abgewanderten sind.
Ronja Schmager SPD:
Das Geld muss geregelt sein. Viele sagen auch, das reicht nicht. Menschen, die 40 Stunden arbeiten, und es bleibt ja selten bei 40 Stunden, sollen im Krankenhaus immer einspringen, wenn sie angerufen werden. Deswegen auch von mir eine klare Forderung, dass sie eine 30 Stunden Arbeitswoche bei gleicher Lohnfortzahlung brauchen. Wir brauchen dieses Model auf jeden Fall, weil ja auch jetzt schon viele Teilzeit arbeiten. Weil sie diesen Beruf gar nicht anders ausführen können. Weil man viel höhere Erholungszeiten braucht. Das sehe ich genauso und deswegen will ich auch sagen, ein gesetzlicher Urlaub von 30 Tagen muss gewährleistet sein. Und natürlich, wenn ich frei habe, dann habe ich frei und werde nicht immer angerufen. Also wirklich geregelte Arbeitszeiten.
Ich sehe das bei Freundinnen von mir, die sind jetzt aus dem Job ausgetreten. Aber es ist so eine Personalnot, die werden dann anrufen und gefragt, wie können wir dich halten. Und dann können die ganz flexible, individuelle Arbeitszeitmodelle verhandeln. Soweit ist es jetzt schon. Die sagen, ich möchte nur Frühdienst arbeiten und am Wochenende gar nicht, oder andere möchten lieber nur Spätdienst arbeiten. Ich glaube, darauf muss es hinauslaufen. Das sich die Arbeitgeber darauf einstellen, dass sie viel flexiblere Arbeitszeitmodelle anbieten müssen.
Die Arbeitsbedingungen hängen ja auch maßgeblich mit der Arbeitsverdichtung zusammen, und damit mit der Personalverknappung. Wenn Sie nun die Arbeitsstunden verringern, heißt das ja, das Personal wird noch knapper und damit die Arbeitsverdichtung noch größer. Sie müssen es ja irgendwie schaffen, Menschen in den Beruf zu bringen und die Menschen davon abzuhalten, aus diesem Beruf zu gehen. Wenn man sich die Ausbildungslage anguckt, gibt es ja gar nicht so wenige die diesen Beruf erstmal anstreben. Ein Drittel bricht die Ausbildung allerdings wieder ab. Wahrscheinlich nachdem sie erlebt haben, wie der Arbeitsalltag aussieht. Wie schafft man es, aus diesen Teufelskreis herauszukommen?
Ronja Schmager SPD:
Es ist halt wirklich so, wie ich es gerade geschildert habe. Wir müssen den Beruf wertschätzen. Auch dadurch, dass es wirklich Erholungszeiten gibt. Das die Pflegekräfte wissen, ich mache da meine Arbeit, die mache ich gut in diesen 30 Stunden, aber dann habe ich auch wieder Zeit zum Erholen. Für mich ist das wirklich eine große Stellschraube, dass die Menschen sich von dem, was sie da erleben und machen, erholen können. Dann werden auch mehr in dem Job bleiben. Das ist ja unser Problem, dass viele nach 4 oder 8 Jahren aus dem Beruf rausgehen. Durch eine geringere Arbeitsstundenzahl in der Woche, können sie das auch länger machen. Dann wird es einfach auch mehr geben, die die Arbeit machen wollen. Wir müssen irgendwann einfach mal anfangen. Sagen, jetzt machen wir diesen Wandel und dann bleiben mehr und dann kommen vielleicht auch wieder mehr rein in in den Beruf. Und dann wird es auch wieder mehr Pflegekräfte geben.
Die Frage ist ja auch, worüber wir sprechen. Sprechen wir gerade über die Pflege im Krankenhaus oder sprechen wir über die Pflege im Pflegeheim oder im ambulante Dienst.
Wir sprechen über alles.
Ronja Schmager SPD:
Das muss man dann ja auch noch mal differenziert sehen. Da gibt es große Bedürfnisunterschiede bei den Pflegekräften.
Die im Krankenhaus, würde ich sagen, haben es oft noch sehr sehr gut im Verhältnis zu den Personen, die im ambulanten Bereich arbeiten. Da gucken wir ganz selten hin, dabei ist es die größte Personengruppe und die oftmals auch nicht so gut ausgebildete, weil da die Bezahlung auch nicht so gut ist.
Hängt es vielleicht auch damit zusammen, weil dort der Einfluss der Politik am geringsten ist, weil es hauptsächlich privatwirtschaftlich organisiert ist?
Ronja Schmager SPD:
Genau, es ist sehr auf Kommerzialisierung ausgelegt. Sehr festgelegte Zeiten, wann welche Leistungen zu erbringen sind.
Ich denke der Krankenhausbereich ist wesentlich reglementierter von der Politik, als der private Pflegebereich.
Ronja Schmager SPD:
Ja, genau, da kann man ja auch schlechter reingucken. Ganz vieles, was zu Hause passiert, wissen wir nicht. Aber natürlich muss der medizinische Dienst auch bei einem ambulanten Pflegedienst reingucken. Trotzdem ist das, glaube ich, alles weniger im Fokus der Politik. Ich glaube, das gehört ins Zentrum der Politik gestellt. Das wir gucken, wie werden die Menschen zu Hause versorgt. 75 Prozent der Menschen werden ja zu Hause versorgt. Die Politik sagt ambulant vor stationär, und dann müssen wir als Politik, das auch so organisieren, dass die Menschen da gut versorgt werden. Dafür braucht es auch wirklich gut qualifizierte Pflegekräfte.
Sie haben vorhin ja auch gefragt, wie sieht ein gut organisiertes Gesundheitssystem aus. Hier würde ich sagen, dass wir einen viel größeren Fokus auf die Betreuung vor Ort haben müssen. Das wir Stadtteilschwestern haben. Gemeindeschwestern wird das in anderen Regionen genannt. Das wir hier eine viel nähere Betrachtung haben, was passiert eigentlich mit den älteren Menschen. Das wir ein Auge aufeinander haben. Das was in Großstädten so oft verloren geht.
Ich habe selber bei einem ambulanten Pflegedienst in Hamburg gearbeitet während meiner Ausbildung. Was da hinter den Türen manchmal für Schicksale sind. Das aufzuhalten, und das aber auch zu sehen, und dann die Menschen wirklich auch zu Hause versorgen zu können. Dafür brauchen wir gut qualifizierte Pflegekräfte, die dann auch eigenständig handeln können.
Ihre Hoffnung ist, dass es erstmal übers Geld läuft, und es dann im zweiten Zuge zu verbesserten Arbeitsbedingungen, zu geringerer Arbeitsverdichtung kommt?
Ronja Schmager SPD:
Also für mich kommt als erster Schritt, die Arbeitszeit an sich, die muss sich reduzieren und damit wird das Geld ja auch gleichzeitig mehr. Die beiden Schrauben müsste man zusammen drehen.
Bräuchte man nicht zuerst mehr Menschen, die in den Beruf gehen, um dann die Arbeitszeit zu verkürzen? Wie will man sonst die Arbeit schaffen?
Ronja Schmager SPD:
Das ist das Henne oder Ei Problem. Es wird ja nicht mehr plötzlich geben. Es ist gerade eher eine Abwanderung zu sehen. Und ich glaube, die, die jetzt gerade vor kurzem aus dem Beruf gegangen sind, die sind einfach erschöpft.
Kann man die wieder zurückholen? Es gibt da ja offenbar eine ganz große stille Reserve. Wie kann man die wieder zurückbekommen?
Ronja Schmager SPD:
Ich glaube die kann man wieder zurückholen, ja. Wenn die Menschen wieder das Gefühl haben, ich kann meinen Beruf so ausüben, wie ich es auch eigentlich gelernt habe, und wie ich es möchte. Das ich Zeit habe für Patienten, dass ich mich selber weiterbilden kann. Das dafür auch Zeiten eingeräumt werde. Wenn ich das Gefühl habe, ich laufe hier in einem Hamsterrad und irgendwann liege ich auf dem Rücken und kann nicht mehr. Das sie sehen, dass wir als Gesellschaft Verantwortung für die Menschen übernehmen, die sich um die Hilfebedürftigen kümmern. Ich glaube, das ist einfach ganz wichtig, dass Sie wieder Ihren Beruf so ausüben können, wir sie das wollen. Ich glaube, wenn man damit anfangen würde, dann würden viele Menschen zurückkehren.
Viele meiner Ausbildungskolleg:innen, die sind noch in dem Beruf drin. Die lechzen ganz schön, dass sie das noch aushalten können. Es geht um die Rahmenbedingung, den Beruf an sich, den finden alle toll, das ist tatsächlich der Punkt.
Die Krankenhausfinanzierung
Ich möchte nochmal auf die Krankenhäuser zurückkommen. Auf die Bedingungen in den Krankenhäusern. Was ja auch sehr stark mit der Krankenhausfinanzierung zu tun hat. Die Einführung der Fallpauschalen, der DRG’s, hat ja viele Krankenhäuser zum Sparen gezwungen und in finanzielle Bedrängnis gebracht, und hat dann zu einem großen Privatisierungsschub geführt.
Wie könnte ein Finanzierungssystem für die Krankenhäuser aussehen, welches die Anreize so setzt, dass die Krankenhäuser aus eigenen Antrieb für gute Arbeitsbedingung sorgen und gleichzeitig die Patienten optimal versorgen, und auch nicht pleite gehen dabei?
Ronja Schmager SPD:
Also, erstmal glaube ich, ist das Fallpauschalensystem überholt Das haben mittlerweile ja einige festgestellt. Selbst der Chef von Asklepios wendet sich vom Fallpauschalensystem ab. Gedanklich hat er das bei einer Veranstaltung vor ungefähr zwei Jahren schon mal gesagt. Und das war für mich ein Alarmsignal. Das er erkannt hat, aus dem Fallpauschalensystem lässt sich momentan kein Geld mehr raus quetschen. Deswegen ist jetzt die Überlegung, wie kann man es anders organisieren. Aber so, dass die Menschen und auch die Pflegekräfte und die Ärzt:innen im Fokus stehen, und nicht das Geld.
Hat die SPD da Vorschläge?
Ronja Schmager SPD:
Wir wollen uns das Fallpauschalensystem angucken, wo stimmt es, wo stimmt es nicht mehr, und an den richtigen Stellen dann abschaffen. Und da andere andere Finanzierungssysteme schaffen. Zum Beispiel in der Kinder- und Jugendmedizin hat das auf jeden Fall zu nichts geführt. Da wollen wir die Fallpauschalen auf jeden Fall abschaffen. So das eine flächendeckende Versorgung sichergestellt wird, da wo es vonnöten ist.
Das heißt eine Rückkehr zur Selbstkostendeckung?
Ronja Schmager SPD:
Genau, dass es eine Finanzierung gibt, die keine falschen Anreize mehr setzt. Das Menschen an irgendwelchen Standorten nur noch die Hüften eingesetzt bekommen und dann dafür andere Sachen nicht mehr angeboten werden. Ich glaube, da muss man einfach eine bessere Verteilung schaffen, dann ist genug Geld im System drin, um die Menschen gut versorgen zu können.
Sie sagen, das Geld muss besser verteilt werden. Wo soll es genommen werden, und wo soll es konkret hin fließen?
Ronja Schmager SPD:
Meiner Meinung nach müssen wir weg von den vielen vielen Krankenhäusern. Das ist vielleicht keine populäre Aussage, aber ich glaube wir haben zu viele Krankenhäuser. Das glaub ja nicht nur ich, sondern wurde auch von Wissenschaftlern und Gesundheitsökonomen in den letzten Jahren in die Debatte gezogen. Weniger Krankenhäuser, und dafür aber einige große, sehr sehr gute Gesundheitsversorgungeinrichtungen schaffen, um dann da die Qualität wirklich sicherzustellen. Und dann in den einzelnen Regionen mit medizinischen Gesundheitszentren arbeiten, um so natürlich auch die Versorgung vor Ort sicherzustellen. Das sie nicht mehr in jedem kleinen ländlichen Krankenhaus alles an Angeboten bereitstellen müssen. Das ist schon mal etwas, wo man Geld umschiffen kann.
Ja, aber der Senat kämpft ja nun gerade um das kleine Krankenhaus Groß-Sand in Wilhelmsburg.
Ronja Schmager SPD:
Ja, das stimmt. Hier ist ein Krankenhaus von dem Erzbistum in Hamburg, wo, glaube ich, auch einige Finanzierungen nicht richtig gelaufen sind. Der Senat, ich finde ganz berechtigterweise, kämpft für den Erhalt. Ich glaube, dass das Krankenhaus wichtig ist für Wilhelmsburg, und deswegen ist das auch nur zu unterstützen. Ich glaube, hier kann man aber noch mal gucken, wie können wir das Krankenhaus so ausrichten, dass es sich noch mehr im Stadtteil verzahnt. Das hier auch Ärzte für den ambulanten Bereich sind. Das die Sektorengrenzen mehr verschoben werden. Das will auch die SPD schaffen. Das wir nicht immer nur in Krankenhaus und in Ambulant denken, sondern dass wir hier die Verzahnung viel größer schaffen. Das die Menschen auch viel mehr ambulant in Anspruch nehmen, und nicht immer gleich die teure Leistung eines Krankenhauses.
Noch mal zum zum finanziellen Anreizsystem für Krankenhäuser. Kann man sich da auch Prinzipien vorstellen, nach denen die Krankenhäusern mit den besten Arbeitsbedingungen und der besten Pflege, mehr Gelder bekommen?
Ronja Schmager SPD:
Das ist eine spannende Idee. Die SPD steht auf jeden Fall dafür, das alles, was aus der Solidargemeinschaft an Mitteln erwirtschaftet wurde, auch weitesgehend wieder verpflichtend zurückfließen soll in das Gesundheitssystem. Das heißt, dass hier keine großen Aktionäre mehr ihre Gelder abschöpfen dürfen. Damit ist eine Reinvestition von Geldern gewährleistet. Wir sagen ja auch bei Pflegeeinrichtungen, dass nur noch die, die sich an die Tarife binden, die volle Finanzierung von der Pflegeversicherung bekommen. Das sind doch schon Anreizsysteme um gute Arbeitsbedingungen zu fördern. Und wenn ich nicht nach Tarif bezahlt werde, dann gehe ich da als Pflegekraft erst gar nicht arbeiten. Das ist auch eine Entscheidungsmöglichkeit von Pflegekräften. Denn sie sind ja mittlerweile so rar, das sie sich viel mehr aussuchen können.
Die ambulante Versorgung
Frau Schmager, auch in der ambulanten Versorgung gibt es Schieflagen. In Hamburgs ärmeren Stadtteilen gibt es einen Ärzt:innenmangel, besonders bei den Fachärzt:innen. Während sich in den wohlhabenderen Gegenden die Praxen sammeln. Gesetzlich Versicherte müssen teils lange auf einen Termin warten, während Privatversicherte in der Regel sofort einen bekommen. Auch Corona hat gezeigt, dass die ärmeren Bevölkerungsschichten besonders von der Pandemie betroffen sind und auch schlechter erreicht werden. Beispielsweise sieht man das beim Impfen. Darüber hinaus droht eine Spaltung der Gesellschaft in Geimpfte und Ungeimpfte.
Was kann die Politik dafür tun, dass sich Ärzt:innen dort niederlassen, wo sie gebraucht werden.
Ronja Schmager SPD:
Hamburg hat ja die Besonderheit, das es als ein gesamtes Planungsgebiet gesehen wird. Wir hatten häufiger den KV-Präsidenten zu Besuch, der dann sagte, ist doch alles super in Hamburg, ist ja alles da. Dann haben wir gesagt, aber hier in Harburg ist das jetzt eher nicht so.
Eine Kinderärztin oder einen Kinderarzt zu erreichen, ist für manche schon eine große Herausforderung. Und wenn man ein fieberndes Kind hat, sich dann noch in den Bus oder die S-Bahn zu setzen, um eine halbe Stunde irgendwo hinzufahren, das finde ich, ist nicht zumutbar.
Oder auch in Neugraben, da entstehen ja ganz viele Neubaugebiete. Da ziehen 10 000 Menschen hin. Da würde man ja denken, okay, als Ärztin oder Arzt würde ich mich da niederlassen, weil ich weiß, da gibt’s jetzt bald mehr Kundschaft. Aber auch da ist es schwierig Ärzt:innen hinzubekommen,wurde mir berichtet. Das ist wirklich eine große Frage, wie man das hinbekommt.
Ein wichtiger Faktor ist, dass wir sagen, wir brauchen die Bürgerversicherung. Damit wir nicht mehr spalten zwischen den Gesetzlich Versicherten und den Privatversicherten. Worüber ja ganz viele Ärztinnen und Ärzte viel Geld generieren. Da könnte man vielleicht auch Ausgleichszahlungen schaffen, wenn sich Menschen in besonders herausfordernden Regionen niederlassen. Weil sie sich mehr Zeit nehmen müssen, um zum Beispiel sprachliche Hürden zu überwinden. Das man die Ärzt:innen, die Ärzte, durch besondere Bezahlung dazu bringt, sich auch hier niederzulassen. Vielleicht auch durch extra Beschäftigte, Streetworker oder Pflegekräfte.
Ich hatte das vorhin schon mal beschrieben. Das ich mir das dahin gehend vorstelle, dass man sich im Stadtteil mehr als gemeinsames Team sieht. Ich glaube, dann würde es auch für Ärztinnen und Ärzte wieder attraktiver sein. Wenn sie nicht die einzigen sind, die hier verantwortlich sind. Sondern in einem Team arbeiten und für eine Region zuständig sind, um hier die Bevölkerung zu versorgen. Und das muss natürlich auch monetär unterfüttert sein. Das ist ja auch etwas, was die Politik in Hamburg voranbringen will. Polikliniken oder Gesundheitszentren zu fördern. Da sind wir als Harburger auch gerade dabei, uns hier als Pilotprojekt ausprobieren zu wollen. Ich glaube, gerade hier in unserer Region oder im Hamburger Osten muss es andere Versorgungssysteme geben.
An der Bedarfsplanung an sich lässt sich nicht rütteln? Kann die Politik da Vorgaben machen, oder ist das alleinige Sache der Kassenärztlichen Vereinigung?
Ronja Schmager SPD:
Ich würde da sofort dran rütteln. Die KV’en müssten eine größere Bereitschaft zeigen, wirklich bedarfsorientiert, wirklich kleinteiliger, sich das anzugucken, wie die Verteilung ist. Weil jeder, der auch gar nicht viel von Gesundheitspolitik versteht, sieht ja, dass die Ärzte dorthin gehen, wo die Menschen mehr Geld haben.
Das ist sicherlich ein Grund. Ein anderer ist vielleicht auch eine schwierige Klientel, mit einem hohen Anteil an psychisch erkrankten Menschen, die dann auch nicht adäquat versorgt werden können, weil die Wartezeiten in Therapieeinrichtungen sehr lang sind. Dann haben sie oftmals mehr Patienten zu versorgen als sie können oder dürften. Da kann es schnell passieren, das sie durch das Honorarsystem Patienten am Ende des Quartals umsonst behandeln. Ganz zu schweigen von der Bürokratie, die das nach sich zieht, weil sie sich für dies und das rechtfertigen müssen.
Was kann man da tun?
Ronja Schmager SPD:
Gerade die, die in sehr schwierigen oder auch besonderen herausfordernden Stadtteilen zu tun haben, die zum Beispiel mit Sprachbarrieren zu tun haben, was ja auch einen größeren Zeitbedarf beansprucht, die müssen unterstützt und entlastet werden.
Ich würde auch sagen, dass wir hier viel kleinteiliger gucken müssen, wie die Versorgungsbedürfnisse in den Stadtteilen oder den Kreisen und Bezirken sind. Das gilt ja auch insgesamt bei der Gesundheitsversorgung. Das wir uns viel mehr die Region angucken müssen. Was sind die einzelnen Bedürfnisse, was ist im ländlichen Raum, was braucht eine Region. Ist es mehr Pflegeversorgung oder mehr Krankengymnastik.
Wir können nicht immer sagen, dass ist die Gesundheitsversorgung in Deutschland und so machen wir es einfach überall. Sondern dass wir wirklich gucken, was braucht jede Region für sich. Das macht es nicht einfacher, aber das kann ja auch ein Konzept sein, dass wir uns regionalspezifische Versorgungssysteme angucken.
Die Bürgerversicherung
Sie wollen ja ein Teil des Problems damit lösen, indem sie eine Bürgerversicherung einführen. Aber bedarf ist nicht einer sehr lange Übergangsphase, um die Privatkassen abwickeln zu können. Braucht es da nicht schnellere Lösungen um die Ungleichbehandlungen zwischen Gesetzlich Versicherten und Privatpatienten aufzulösen.
Ronja Schmager SPD:
Also wir als SPD wollen die Bürgerversicherung ja schon seit 15-20 Jahren oder noch viel länger. Weil wir das als den richtigen Weg sehen. Natürlich braucht es auch längere Übergangsmodelle. Trotzdem ist das der richtige Weg um eine gerechtere Versorgung hinzubekommen. Deswegen halten wir da auch dran fest, und ich halte es auch für die einzig richtige Lösung.
Die Digitalisierung des Gesundheitswesen
Frau Schmager, mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens verknüpfen sich viele Hoffnungen. Große Einspareffekte werden vorausgesagt, bessere Kommunikation und Vernetzung der Akteure, und auch eine bessere Versorgung der Patienten.
Teilen Sie diese Hoffnung?
Ronja Schmager SPD:
Ja, ich glaube schon, dass die Digitalisierung Potenzial hat, um die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Aber wir sind da noch auf einen weiten Weg um da wirklich die Potenziale für die Patient:innen und auch für die arbeitenden Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte herauszuziehen.
Corona hat jetzt aber gezeigt, dass es schneller gehen kann, als man sich vielleicht manchmal so vorgestellt hat. Sich mit der Ärztin, dem Arzt oder dem Therapeuten über eine weitere Distanz auszutauschen geht. Man hat jetzt gesehen, dass man gute Effekte in der Behandlung auch mit Distanz erreichen kann. Von daher glaube ich schon, dass wir hier in Deutschland auf jeden Fall das untersuchen müssen, das vorantreiben müssen, um auch mit dem Zahn der Zeit zu gehen.
Nun haben wir die elektronische Gesundheitsakte seit Anfang des Jahres, aber was ich höre, funktioniert sie eigentlich nicht. Von daher kann auch niemand mitmachen. Alle Praxen haben sich das angeschafft, aber offenbar funktioniert das Zusammenspiel zwischen Hard- und Software nicht.
Was ist da schiefgegangen?
Ronja Schmager SPD:
Davon weiß ich so nichts. Die elektronische Patientenakte wurde relativ lange entwickelt, es war ein sehr langer Prozess. Die Idee dahinter ist ja eine bessere Vernetzung zwischen den Patient:innen und den Ärzt:innen oder auch zwischen den Ärzt:innen, und auch später im weiteren Behandlungsteam. Ich glaube, dass das die richtige Richtung ist. Hier gibt’s ganz sicher noch, wie so oft, diese Übertragungsherausforderung, wenn nicht alle die gleiche Hard- und Software haben. Ich weiß nicht, wie gut alle gleichermaßen ausgestattet sind. Ich glaube, das ist wie so oft am Anfang, da gibt’s immer noch die Kinderkrankheiten, aber das wird sich zurecht ruckeln. Ich finde, dass wir diese ePA haben, das ist die richtige Richtung. Um einfach auch meine persönliche Patientenakte zu haben und zu sehen, was ist eigentlich drauf gespeichert. Wer hat welche Zugriffsrechte, dass ich darüber bestimmen kann. Ich finde es gut und richtig und auch für mich im Notfall ein sehr sicheres Gefühl, dass ich weiß, dass alle Ärzt:innen dann auf meine Krankengeschichte zugreifen können.
Was machen sie mit denen die diese Digitalisierung nicht mitmachen, sei es, das sie aus Altersgründen den Anschluss verpasst haben, oder Datenschutzbedenken haben oder einfach aus purer Verweigerung?
Droht da nicht auch eine neue Zweiklassenmedizin?
Ronja Schmager SPD:
Ich glaube, dass wir darüber weiter aufklären müssen. Das ist eh ein super großer Punkt, wenn wir über die Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung sprechen. Das wir viel mehr darüber aufklären müssen, welche Angebote gibt es, welche Möglichkeiten und was bringt das eigentlich. Denn immer, wenn man nicht genug Wissen hat, dann entstehen Ablehnungstendenzen oder Ängste. Veränderungen mögen wir Menschen eh immer nicht so gerne. Deswegen ist das sehr sehr wichtig, dass Politik erklärt, für was das nötig ist. Dadurch glaube ich kann man schon viele Menschen gewinnen.
Aber wenn man jetzt vielleicht älter ist und sagt, das digitale will ich alles nicht mehr, oder das einfach aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht will, und auch nicht durch die weiteren Informationen ein Sicherheitsgefühl bekommt, dann wird es halt einfach weiter über den analogen Weg gehen müssen. Ich glaube nicht, dass es dadurch eine schlechtere Versorgung gibt. Da haben die Menschen die Freiheit, das zu entscheiden. Ich glaube, es gibt halt mehr Vorteile, wenn man das einsetzt und hat.
Aber wir wissen ja nicht, wie viele dann tatsächlich von der guten Versorgung abgehängt werden. Man sieht das ja in vielen Bereichen des Lebens. Man ist schon ein bisschen abgehängt, wenn man nicht digital ist. Man kann gewisse Dinge nicht machen, wenn man nicht digital ist. Das kann natürlich in der Medizin genauso passieren.
Ronja Schmager SPD:
Ich glaube, das die nächsten Generationen eine andere Erwartungshaltung an das Gesundheitssystem haben. Klar, die älteren Generation, die das nicht wollen, die muss man mitnehmen. Die muss man gut mitversorgen. Auf jeden Fall. Trotzdem müssen wir nach vorne gucken und das entwickeln. Wie wollen wir in Zukunft leben, wie wollen wir in Zukunft versorgt sein?
Aus meinen eigenen Forschungen weiß ich, das auch die ältere Generation der 60-70 jährigen Technikaffin ist. Weil sie auch sehen, dass wenn ich mit meinem Handy WhatsApp-Bilder mit meinen Enkel schicken kann, dass das gut ist. Ich glaube wir unterschätzen das. Wir sagen ganz oft, die wollen das nicht. Ich glaube die Älteren wollen das. Wir müssen nur Technik so entwickeln, dass sie auch für diese Menschen, nach Ihren Bedürfnissen, zugänglich wird. Ich muss Ängste abbauen und gucken, was brauchen die Menschen. Und nicht, dass wir Roboter entwickeln, die vielleicht Technikerinnen oder Techniker gut finden. Sondern fragen, was braucht ihr als ältere Menschen jetzt. Und so Technik entwickeln.
Ich glaube das wir viel mehr gucken müssen, was die Menschen in diesem Moment brauchen.